Zirkuskinder

 

von Jens Lindworsky

Erschienen in den Jugendmagazinen TOPIC, JÖ und TREFF

 

Manege frei - die Vorstellung hat begonnen. Doch der Artist Santino hat sich in seinem Zimmer eingesperrt und weint. Er will heute nicht auftreten, weil seine Mutter das falsche Hemd bereitgelegt hat. "Gut," sagt sein Onkel Benjamin, "dann darfst du heute eben nicht arbeiten. Wir lassen deine Nummer ausfallen." Da schluchzt der fünfjährige Santino: "Ich will aber arbeiten."

Minuten später steht er im Scheinwerferlicht und genießt seinen Applaus. Sein Vater hält ihn auf einer Hand in die Höhe. Dann macht Santino einen Handstand auf Vaters Arm. "So fangen alle Kinder an," erklärt Benjamin, "damit sie die Angst vor der Höhe verlieren." Schon mit zwei Jahren hat auch er solche Kunststücke im Familienzirkus Safari gezeigt. Heute macht er jeden Tag eine waghalsige Trapeznummer - ohne Netz in sechs Meter Höhe.

Natürlich hat auch Santinos siebenjährige Schwester Jamaine eine Nummer. Sie lässt sich rückwärts fallen und macht eine Brücke. Dann biegt sie wie ein Schlangenmensch, bis ihre Füße den Kopf berühren. Für ihren Auftritt bekommen Jamaine und Santino je zehn Euro Gage.

 

Süchtig nach Applaus

 

Doch allein wegen der Gage machen sie es bestimmt nicht. Wer schon als Kind mit echten Peitschen Löwe und Dompteur spielt, sehnt sich nach Applaus. Auch wenn der Papa schimpft, weil vor dem Auftritt schon wieder alle Peitschen weg sind. Und wer zwischen Lamas, Clowns, Akrobaten und Feuerspuckern groß wird, will eines Tages selbst im Rampenlicht stehen. Für echte Zirkuskinder kommt nur Arbeitsplatz in Frage: die Manege.

"Es ist wie eine ansteckende Krankheit – wenn du sie im Blut hast, kannst du nicht mehr vom Zirkus weggehen" schwärmt Enrique Luna. Der Dompteur und Zauberer ist sogar in einem Zirkuszelt geboren. Seine Familie war damals noch so arm, dass sie in der Manege gewohnt haben. Enriques "Zimmer" bestand aus vier aufgehängten Plastikfolien. Heute ist er berühmt und bereist die ganze Welt. Sogar im Hollywood-Film "Gladiator" waren seine Tiger zu sehen. Nur an einem Ort hält es Enrique nie lange aus: zu Hause in seiner Villa in Valencia.

"Man ist hier so frei," sagt der achtzehnjährige Ramon, "eigentlich bin ich mein eigener Chef, seit ich siebzehn bin und den Führerschein habe." Weil bei einem Familienzirkus jeder Fahrer wertvoll ist, dürfen Angehörige schon ein Jahr früher Autofahren.

"Jeder hat seine Pflichten, aber man kann sich die Zeit selber einteilen." ergänzt sein Bruder Benjamin. Gestern zu lange auf der Party gewesen? Macht nichts! Erst mal ausschlafen, das Zelt wird später repariert. Badewetter? Schnell die Tiere füttern und dann ab zum nächsten See!

Doch es gibt auch Schattenseiten: "Irgendwie schade," erzählt Jamaine, "man findet neue Freunde, dann muss man fahren und verliert sie wieder." Ihre beste Freundin kann nur am Wochenende oder in den Ferien zu Besuch kommen. Falls der Zirkus gerade nicht zu weit weg ist. "Das legt sich," meint Benjamin, "ich muss nicht unbedingt Freunde haben. Dann ist halt dein Bruder dein bester Freund".

Zirkuskinder kommen alle paar Wochen in eine andere Schule. "Am ersten Tag wurde meistens der Unterricht unterbrochen," erzählt Benjamin, "man kam nach vorne, alle guckten einen an." Dann haben er und Ramon oft so lange Geschichten aus dem Zirkusleben erzählt, bis der Schultag fast vorbei war, "für uns war das schon Routine". Nur das Sitzenbleiben war den Nachwuchs-Artisten streng verboten. Denn wer  im Winterquartier die Jahresprüfungen nicht schafft, muss in eine feste Schule.

Und die Liebe? "In jedem Städtchen ein neues Mädchen" grinst Ramon, aber sein Bruder widerspricht: "Nein, so schlimm ist es nicht". Dabei wirken die Stars aus der Manege sicher nicht unattraktiv: durchtrainiert, selbstbewusst, weit gereist...

Eines ist aber so gut wie sicher: geheiratet wird einmal ein Mädchen aus einem anderen Zirkus. Und die reist fortan mit "seinem" Zirkus - so war es schon immer. "Normale" Menschen halten dieses rastlose Nomadenleben sowieso nicht lange aus ...

Gesamter Text auf Anfrage

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