Ciao, Bellissimo

von Jens Lindworsky

Die Mille Miglia: das "schönste Autorennen der Welt"

"Vai, vai, vai!" feuern die jungen Männer den alten Rennwagen an und berühren ihn fast mit den Händen. Der Pilot dankt es mit einem dröhnenden Zwischengas. In bester Volksfeststimmung bilden Tausende Zuschauer beim Start der Mille Miglia ein Spalier durch die Altstadt von Brescia, um einen Blick auf die weltweit größte und exklusivste Ansammlung von Oldtimern zu ergattern. Eine Frau hebt beim Anblick eines Ferraris aus den 50ger Jahren begeistert die Hände ans Gesicht und ruft laut "Bellissimo". Der Fahrer winkt, als hätte sie ihn gemeint.

An der Start-Ziel Gerade sind die Tribünen voll bis zum letzten Platz, während im Minutentakt Rennlegenden auf eine Rampe fahren, von denen viele das restliche Jahr im Museum verbringen. Über Lautsprecher (und in italienischer Lautstärke) werden alle 375 Teilnehmer vorgestellt, zuerst das Auto, dann die Fahrer. Das Publikum harrt aus, bis spät in der Nacht der letzte Wagen gestartet ist. Ein Fahrer meint, so etwas sei nur in Italien möglich.

Schon die technische Abnahme der Autos am Nachmittag vor dem Start wird geradezu Zelebriert. Auf der Piazza della Vittoria erleben die Zaungäste, wie die Inspektoren jeden Wagen prüfen und publikumswirksame Blicke unter jede Motorhaube werfen. Inzwischen werden die "gekrönten Häupter, Stars und Showgirls," sowie die "Elite aus Finanz und Industrie", so der offizielle Pressetext, an den gut sichtbaren Zelten der Sponsoren mit Souvenirs versorgt. Allein die Schweizer Armbanduhr mit eingraviertem Nummernschild sollte das Startgeld von 3000 Euro beiweiten aufwiegen.

Auftritt José Carreras. Nach wenigen Sekunden drängen sich gut dreißig Fotografen und zwei Fernsehteams um den Sänger und rufen je nach Standort: "Mr. Carreras look here!" oder "Mr. Carreras,  turn around!" Dann verlässt der Tenor die Bühne, Minuten später genießt Prinz Emanuel Filibert von Savoyen, der theoretische Thronfolger von Italien, sein Bad in der Menge. Eigentlich müssen die Fahrer nicht persönlich zur technischen Kontrolle erscheinen.  Doch der Prinz zeigt sich ohnehin gerne alle zwei bis drei Tage in der Öffentlichkeit, verrät der Mann, der nach Verschwinden seiner Majestät dessen Wagen vom Platz schiebt. "He enjoys it, I think."

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Manipulationen an den Autos bei dieser Kontrolle nicht entdeckt würden. Die Inspektion ist Reliquie aus der Zeit, als die Mille Miglia noch das wahrscheinlich bedeutendste Straßenrennen der Welt war. Als die Ingenieure der Automarken mit technischen Neuerungen um den prestigeträchtigen Titel kämpften und als die besten Rennfahrer der Welt auf großteils unbefestigten Strassen oder auf geschmolzenem Teer ihr Letztes gaben. Stirling Moss und sein Beifahrer, der Sportjournalist Dennis Jenkinson, erfanden 1955 für die Mille Miglia das Bordbuch, das seitdem aus dem Ralleysport nicht mehr wegzudenken ist. Trotz Übelkeit sagte Jenkinson seinem Piloten die Geschwindigkeiten für kommenden Kurven an, die beiden legten die 1600 Kilometer nach Rom und zurück in nie mehr erreichten 10 Stunden, 7 Minuten, 48 Sekunden zurück.

Zwei Jahre darauf lag der Marquis Alfonso Caveza de Portago, der Neffe des Spanischen Königs, in Führung. Angeblich, weil er in Rom zu viel Zeit mit seiner Geliebten verbracht hat, zog es der Marquis vor, trotz eines defekten Stoßdämpfers nicht am Servicepunkt die Führung zu riskieren. Auf einer Gerade kurz vor Brescia verlor er mit über 250 km/h ein Hinterrad und überschlug sich auf Ferrari mit über 250 km/h ins Publikum. Majestät nahmen seinen Beifahrer, zehn Gemeine und die Mille Miglia mit in den Tod. Die Regierung verbot daraufhin sämtliche Straßenrennen - unzeitgemäß und  zu gefährlich.

Bereits nach zwanzig Jahren ließ man die Guten alten Zeiten wieder aufleben, diesmal als Beständigkeitsrennen, bei dem vorgegebene Fahrtzeiten möglichst genau eingehalten werden müssen. "Die Veranstaltung wird gewertet, glaube ich, durch die Zeitprüfungen," erklärt eine Fahrerin, "dass heißt z.B. 20 Meter in 5 Sekunden, dann 50 Meter in 13 Sekunden direkt dahinter." Manche Fahrer helfen sich dabei, indem sie einen elektronischen "Trittmaster" am Wagen anbringen, andere trainieren vor dem Rennen mit Stoppuhren. Wieder andere nehmen die Übungen nicht weiter ernst und genießen einfach die Fahrt durch die herrlichen Landschaften und Stadtzentren, von denen viele normalerweise für den Autoverkehr gesperrt sind.

Weder der "Spirit" noch die Faszination des Rennens hätten sich verändert, versichert der offizielle Pressetext. Auf dem Rastplatz in Buonconvento blickt ein amerikanischer Fahrer ratlos auf den völlig überhitzten Motor seines geliehenen 56ger Moretti 1500 Sport. Der Rennwagen, von dem nur drei Stück gebaut worden sind, gilt als schwierig in der Handhabung. Am Motor hat sich ein Kabel gelöst, und während seine Frau im Wagen sitzen bleibt, versucht der Fahrer das Kabel an verschiedenen Stellen wieder reinzustecken, es passt aber nirgends. Dann gibt er auf, und die beiden gehen sie erst mal ins VIP-Zelt zum Büffet.

Inzwischen versucht ein anderer Fahrer, seine Begleiterin wieder in Stimmung bringen. Der jugendlichen Schönheit ist offenbar von der Kurverei über die kleinen Landstrassen schlecht geworden. Er bietet ihr Tabletten an und versucht, ihr Wasser einzuflößen, sie dreht angewidert ihren Kopf weg. Ihrer Mine nach zu urteilen, könnte dies ihre letzte Mille Miglia sein. Über 700 Teams bewerben sich jedes Jahr um die Teilnahme an dem Rennen mit dem klingenden Namen, doch nur 375 werden von den Veranstaltern zugelassen. Nach welchen Kriterien ausgesucht wird, bleibt für die meisten so undurchschaubar wie der norditalienische Nebel

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