Helden mit Handicap

Ein sportlicher Wettkampf für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Von Jens Lindworsky

Julia ist nervös. Konzentriert steht sie am Rand der Eisfläche. Sie trägt ein kurzes lila Kleid mit Pailletten, ist geschminkt, ihre Haare sind zu einem strengen Zopf gebunden. Tatjana – ihre russische Trainerin – flüstert ihr letzte Anweisungen zu, macht ihr Mut. Dann sagt die Moderatorin  über Lautsprecher Julias Namen an. Tatjana gibt ihr einen leichten Schubs, Julia fährt in die Mitte der Halle, macht eine elegante Verbeugung, dann legt sie los.

In voller Fahrt packt sie eine Kufe und zieht ihr Bein rückwärts nach oben bis über den Kopf. Sie macht Sprünge und Pirouetten, ihre Kür ist elegant und schön.

Noch vor wenigen Wochen war Julia so frustriert, dass sie den Sport aufgeben wollte. Ihre Leistung entsprach nicht dem, was die Vereine für ihr Alter vorschreiben. Nicht etwa, weil sie kein Talent hat oder zu wenig trainiert.

Julia hat eine leichte Entwicklungsverzögerung.

Alle Sportler bei dieser Veranstaltung haben irgendeine geistige Beeinträchtigung. Manche sind scheue Autisten, andere haben einen Fehler in den Genen oder ihr Gehirn hat gelitten, weil es bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hat.

All das kann sich ganz unterschiedlich äußern. Einige lernen nur zu langsam oder sind zu kindlich für ihr Alter. Andere sind zu unkontrolliert, verstehen zu langsam, sprechen zu undeutlich oder bewegen sich so ungeschickt, dass sie sich die Schuhe nicht schnüren können. Kein Zweifel: was ein behinderter Mensch alles nicht kann, davon ist oft genug die Rede.

Doch hier, bei den Special Olympics, geht es ausnahmsweise um etwas anderes. Es geht darum, was sie können. Besonders gut können sogar. Denn die meisten Zuschauer werden wohl nie so gut Eis laufen lernen wie viele der Sportler.

Das tut gut.

Und mehr noch: es macht Mut. Wer so etwas erlebt, wird auch in anderen Bereichen des Lebens selbstbewusster. Trotz Behinderung.

Wenn Sport Wunder wirkt

Nach ihrer Schlussverbeugung ist Julia erleichtert. Sie hebt ein paar kleine Geschenke auf, die man ihr aufs Eis geworfen hat, dann fällt sie lachend ihrer Trainerin um den Hals. Und sie genießt ihren Applaus – obwohl nicht einmal fünfzig Zuschauer auf der Tribüne sitzen.

„Das macht nichts“, sagt Frau Sieber, die Organisatorin des Eiskunstlaufbewerbs, „bei den normalen Wettkämpfen schauen manchmal noch weniger Leute zu.“ Hauptsache die Österreichischen Winterspiele finden statt. Erstens, weil hier ermittelt werden muss, wer nächstes Jahr zu den internationalen Special Olympics Welt-Winterspielen fliegen darf.

Und zweitens, weil es hier um viel mehr geht als nur um den Spaß am Wettkampf. Der Sport wird ernst genommen, ist nicht nur ein Beschäftigungsprogramm. Auch die stärker behinderten, die manchmal etwas wacklig auf dem Eis stehen, geben ihr Äußerstes. Und alle Trainer und Betreuer sind sicher, dass der intensive Sport bei der geistigen Entwicklung enorm hilft. Frau Sieber hat einmal einen Sonderschüler trainiert, der traute sich anfangs nur aufs Eis, wenn sie ihn an beiden Händen hielt. Wenn er auch nur alleine stehen sollte, packte ihn die Panik. Es dauerte Jahre, bis sie ihn einmal kurz auslassen durfte.

Dann machte er seinen ersten Schritt alleine.

Dann noch einen und noch einen, schließlich riss er die Arme hoch und brüllte aus vollem Hals: ,Ich kann´s! Ich kann´s! „Da ist ihm ein Knopf im Hirn aufgegangen“, erzählt Frau Sieber, „der hat dann auch noch schreiben und rechnen gelernt, weil er auf einmal bildungsfähig war“.

Kein Einzelfall.

Barbara zeigt ihre Pflichtübung. Sie läuft langsam, es sieht etwas unsicher aus. Die Figuren sind einfach, große Kunst ist das nicht. Trotzdem ist ihre Leistung wohl das größte Wunder dieses Wettkampfs. Als Barbara zehn war, saß sie im Rollstuhl und man musste sie füttern. Die Ärzte gingen davon aus, dass sie nie sprechen oder gehen lernen würde. Dass sie heute Eis läuft und ein Wenig spricht ist auf die intensive Beschäftigung mit dem „hoffnungslosen“ Kind zurück zu führen. Und einen wesentlichen Anteil daran hatte der Sport, ist Frau Siever überzeugt.

„Was willst du mit den Depperten?“

Menschen wie Frau Sieber kämpfen mit allen Mitteln für die Special Olympics. Und es gibt viel zu kämpfen. Wenn einer Mutter ihr behindertes Kind peinlich ist und es deshalb nicht mehr Eis laufen darf. Wenn Behinderte nicht mit den „normalen“ Eisläufern trainieren dürfen. Wenn sie keine Eishalle bekommen, weil man den Behindertensport für zu unwichtig hält. Meistens findet Frau Sieber eine Lösung. Sie lässt sich nicht leicht unterkriegen, auch wenn sie sich schon Dinge anhören musste wie: „Was wollen Sie denn mit den Depperten, was bringt das?“.

Es bringt viel.

Und zwar nicht nur für die Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, findet Rachel, die Trainerin der 19-jährigen Vicky. „Ich habe von ihr viel über Ruhe gelernt. Im Stress funktioniert Vicky nicht, sie braucht einfach so viel Zeit, wie sie braucht. Manchmal kommt man dann halt zu spät. Das hat mich beeindruckt und ich habe gemerkt, wie gehetzt ich oft bin.“

Rachel findet auch, dass es viel mehr Kontakte zwischen Menschen mit und ohne mentaler Beeinträchtigung geben sollte.

Während Julia auf die Wertung der Preisrichter wartet ist sie so aufgeregt, dass sie sich an Trainerin Tatjana festklammern muss. Als sie ihre Punkte sieht, jubelt sie. Es ist zwar nur der dritte Platz, doch das genügt für die Qualifikation: nächstes Jahr wird Julia für Österreich starten – bei den großen, internationalen Special Olympics Welt-Winterspielen, die diesmal in Pyeong Chang in Südkorea stattfinden.

Dann werden sicher mehr als sechsundvierzig Leute im Stadion sitzen. Dann wird sie vor hunderten jubelnden Zuschauern zeigen können, zu was sie fähig ist.

Trotz leichter Entwicklungsverzögerung.

 

Die Special Olympics

Nein, dies sind  nicht die bekannten Paralympics für Menschen mit Körperbehinderung. Die Sportler der Special Olympics haben verschiedene Arten von geistigen Behinderungen. Um dieses Thema  – und auch um diese Menschen – machen viele lieber einen Bogen. Doch egal ob schwer behindert oder nur leicht beeinträchtigt: Sport ist gerade für diese Menschen besonders wichtig. Weil er die geistige Entwicklung fördert. Und weil er selbstsicher macht. Die Special Olympics wollen geistig behinderte Menschen aus der Isolation holen und ihnen Respekt und Anerkennung verschaffen.

Schwarzeneggers Schwiegermutter

In den USA sind die Spiele sehr bekannt – schon aufgrund ihrer Entstehung: Eine Schwester des beliebten Präsidenten John F. Kennedy – Rosemary – war nach einer missglückten Operation schwer behindert. Also erfand eine andere Schwester – Eunice –die Special Olympics, um Menschen wie Rosemary zu fördern. Zufällig ist Arnold Schwarzenegger der Schwiegersohn von Eunice Kennedy-Shriver. Und Arnie fand die Idee so gut, dass er sie auch nach Österreich und in die ganze Welt brachte. Heute beteiligen sich 2,5 Millionen Sportler an den Spielen. Es gibt Sommer- und Winterspiele in 26 Sportarten bis hin zu Segeln, Reiten, Snowboardfahren und Judo.

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