Second Hand Glam

Fashion-Shooting in Mosambik

von Gerald Henzinger

„Dieses Kleid ist der letzte Schrei.“ Adelino, ein Händler für Second-Hand-Mode, versteht sein Geschäft. Vor ihm steht eine junge Frau und mustert das Kleid. „Es steht dir ausgezeichnet“, legt er mit einem Grinsen nach. In den engen Marktgassen zwischen den Verkaufsständen aus Bambus und Plastikfolien ist diese Szene dutzende Male zu beobachten. Wobei es auf diesem Teil des Marktes noch relativ ruhig zugeht, hier gibt es schließlich die "Roupa colgada" – „hängende Kleidung“ - ausgewählte Mode guter Qualität, die auf Kleiderbügel aus Bambus aufgehängt wird und ab hundert Meticais (2.50 €) zu kaufen ist. Im Gegensatz zur "Vesicula", dem Diskonter am Markt, wo die Kleidung in Haufen auf dem Boden liegt und hektisches Treiben herrscht. Hier kostet ein Stück nur zwischen fünf und zwanzig Meticais (0,12 bis 0,50 €). Adelino überzeugt die junge Frau. Sie zahlt und er kehrt wieder zu dem zurück, was er immer macht, wenn niemand Interesse an seiner Auswahl zeigt – er setzt sich zu seinen Kollegen zum Kartenspiel. Zeit habe er dafür genug, sagt er, mehr als ein paar Kleidungsstücke pro Tag verkaufe er nicht.

Das Modebewusstsein der Menschen in Mosambik ist ausgeprägt. Grelle Farben und enge Schnitte stehen hoch im Kurs. Selbst mitten im Busch sind Anzüge von Hugo Boss oder Armani durchaus in. Doch woher kommt diese Kleidung? Außerhalb der Hauptstadt Maputo gibt es keine Modeboutiquen und selbst in den besser ausgestatteten Geschäften ist das Angebot an Mode endend wollend. Wenn sich jemand einkleiden will geht er und sie ohnehin auf einen der hiesigen Gebrauchtkleidermärkte. Kompromisse in der Zusammensetzung der Garderobe müssen allerdings eingegangen werden. Es mangelt mitunter an passenden Accessoires, obwohl die Auswahl schier unendlich scheint.

„Calamidade“, das Unheil, nennen die Mosambikaner diese Gebrauchtkleidermärkte. Die Menschen hatten nach dem verheerenden Bürgerkrieg in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre nichts, auch keine Kleidung. So begannen die „Calamidades“ im Jahre 1994 mit der freien Ausgabe von gebrauchter Kleidung aus Übersee. Fünf Jahre später wurde dieses Programm eingestellt. Die Nachfrage blieb bestehen. So entstand der kommerzielle Second Hand Markt. Ein Händler kann Ballen zu 50 Kilogramm mit unsortierter Kleidung an zentralen Verkaufsstellen erstehen. Er sortiert die Kleidung nach Qualität und verkauft sie anschließend auf seinem Verkaufsstand bei einem der „Calamidades“ oder fliegend in der Stadt. Es ist ein eigenes Vertriebs-Business mit Händlern, Trägern, Änderungsschneider, Barbesitzer und Kinobetreiber entstanden. Das garantiert vielen Menschen ein Einkommen.

Der "Mercado Goto" in der zentralmosambikanischen Stadt Beira ist der bekannteste „Calamidade“ in der Region. Abgesehen von der Riesenauswahl an Kleidern ist er Anlaufstelle für Waren aller Art. Von Autozubehör bis zur Haushaltsware, von Landwirtschaftsprodukten bis zum Spielzeug. Alles ist hier zu bekommen. Bei Tag herrscht hier ein buntes Gemenge an Menschen und Waren. Sobald die Dämmerung einsetzt leert sich der Markt bis nur Bambus-Plastikfolien-Baracken übrig sind.

Die Gebrauchtkleidung kommt hauptsächlich aus den entwickelten Ländern in Amerika und Europa. In den allseits bekannten Altkleidersammlungscontainer wirft der Kleiderspender seine Altkleider ein. Diese Textilien werden in zentralen Sammelstellen sortiert. Gute Kleidung bleibt hier und wird in den Second Hand Läden verkauft. Der Rest geht nach Afrika, Lateinamerika oder in sonstige weniger entwickelte Regionen dieser Erde, wo sie ebenfalls verkauft wird. Es ist ein Business, mit dem Geld verdient wird. Und dieses Geld bezahlen die Kunden hier und dort. Ist es Moralisch vertretbar, dass mit gespendeter Kleidung Geschäfte auf dem Rücken der Ärmeren gemacht werden? Eine Frage, die sich viele Kleiderspender und Medien kritisch hinterfragen. Der freie Markt ist derzeit für Second Hand Kleidung das am besten funktionierende Modell und selbst für ärmere Menschen in Mosambik sind die billigsten Kleidungsstücke mit 20 Eurocent leistbar.

Es werde die lokale Textilindustrie durch den Second Hand Kleidungsmarkt gehemmt, liest man in den Medien. Große Firmen sind eher die Ausnahme oder im Besitz von Regierungsmitgliedern. Wie weit diese Wirtschaftsstruktur ein Wachsen einer nachhaltigen Textilindustrie zulässt wird sich zeigen. In Mosambik sind die Mehrheit der Erwerbstätigen ohnehin ein Personen Unternehmen im informellen Sektor. So wie Adelino am "Mercado Goto".

Zwölf Modelle lassen sich insgesamt fünfundzwanzig mal in deren bester Second Hand Kleidung ablichten. Jedes Kleidungsstück ist mit dem Kaufpreis ausgewiesen. Der liegt zwischen 50 Eurocent und 70 Euro. Alle diese Bilder wurden in der zentralmosambikanischen Stadt Beira auf Gebrauchtkleidermärkten, kolonialen Ruinen oder am endlos langen Strand der Stadt gemacht. Die Market-Fashion-Show von Beira präsentiert daher Menschen, ihre Mode, ihre Leidenschaft.

Ein Making of Video kann man unter http://vimeo.com/34776958 ansehen. 

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