Wien im Walzertaumel

von Patricia Scherer

Walzer und Wien gehören zusammen wie Prunk und Protz, seit der Paartanz im 3/4 Takt während des Wiener Kongresses zum Standardtanz avancierte. Einmal im Jahr gibt er seine Paradevorstellung in der Wiener Staatsoper. Und jeder, der etwas auf sich hält, tanzt mit bei dem  wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis der österreichischen Hauptstadt: beim Opernball.   Unter dem autokratischen Regiment der Zeremonienmeisterin Elisabeth Gürtler wandelt sich die Staatsoper in das vornehmste Tanzparkett der Welt.  Bis zum Einzug des Jungdamen- und Jungherrenkomitees, welches nach fast militärischem Drill den Eröffnungswalzer tanzt, bleiben nur wenige Tage. Die fünfhundert Mitarbeiter und Lieferanten der  Staatsoper bereiten dem linksdrehenden Tanz das entsprechende Parkett. Bereits vier Tage vorher kribbelt es in den Füßen: gehetzt rennen technischer Leiter, Bühnenbildner, Floristen und Gastronomen zwischen den Gewerken hin und her in der Hoffnung, dass ihr Masterplan auch dieses Jahr wieder aufgeht.

Aus der Wiener Staatsoper strömt der Walzertaumel nach draußen und breitet sich aus wie eine Epidemie. Alles was Rang und Namen hat oder auch nur ein bisschen des glamourösen Feenstaubs einatmen möchte,  der sonnt sich im Glanz des Wiener Opernballs. Und sei das nur der Gehilfe des Frackverleihers Peter Hofer, der den erlesenen Kunden das Mascherl fachmännisch zubindet.  Das Familienunternehmen stattet seit vier Generationen die Besucher des Opernballs  mit dem Pflichtgewand aus: es herrscht Frackzwang und ohne lange Abendrobe darf man die Stiegen im Festsaal noch nicht einmal betreten. Peter Hofer hat das Geschäft vor zwanzig Jahren von seinem Vater übernommen. Der Name steht für Qualität. Ein echter Frack ist aus reiner Schurwolle. Vasic, Niki und Sami arbeiten seit Jahren als Schneider bei Hofer. Dreißig Arbeitsstunden nähen sie am schwarzen Festanzug mit langem Schoß. Zwischen 1000 und 1500 Euro blättert der Kunde für seinen eigenen Frack hin. Doch in den Monaten vor dem Opernball verdient Peter Hofer sein Geld mit dem Verleih. Bestellungen erhält er aus der ganzen Welt: Per Fax und e-mail kommen die Maße der Ballbesucher bei Hofer an. Jeder Leihfrack wird auf Maß getrimmt, denn sitzen muss er. Die perfekte Fracklinie ist die reine Glückseligkeit für die drei Schneider. Zum edlen Gewand gehören das gestärkte Hemd, die Weste und das Mascherl - wie man in Österreich zur Fliege sagt - und natürlich die schwarzen Lackschuhe. Eine Woche vorm Opernball hat Hofer nicht einen einzigen Frack mehr: für 240 Euro pro Stück sind sie restlos ausgeliehen. Vienna calling. Kurz vor dem großen Ereignis holen seine Kunden aus Dubai, China, oder New York den bestellten Frack ab. Mit kundigem Blick mustert Schneider Vasic das klassische Ensemble und nimmt letzte Änderungen vor; dann tritt er selbst vor den Spiegel um sich mit seinem eigenen Frack dem Ritual des Ankleidens hinzugeben. Den Neulingen muss er natürlich ein paar kleine Tipps mit aufs Tanzparkett geben. Weiße Socken sind ein absoluter Faux Pas und das Mascherl muss weiß sein, wenn man nicht Gefahr laufen will, mit dem Kellner verwechselt zu werden ...

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