Helden der Arbeit

Ein Porträt der Rad fahrenden Holzkohlelieferanten in Mosambik.

Von Gerald Henzinger

Der Schweiß rinnt ihnen über die Stirn. Jeder Muskel ihrer drahtigen Körper ist angespannt. Tausende Kilometer mit dem Rad haben ihre dünnen Beine zu typischen Radlerbeinen geformt. Ihre zusammengekniffenen Augen spähen die Sandpiste aus, die sie hier Hauptstraße nennen. Nicht nur in der Regenzeit ein Spießrutenlauf zwischen Wellblechprofil, Sandbänken und Schlaglöchern. Ein Fehler und sie stürzen, werden begraben unter ihrer Ladung, bis zu 300 Kilogramm Holzkohle. Abgesprungen wird nur, wenn es unbedingt notwendig ist – etwa wenn sie von dicht vorbeirasenden Autos aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Wenn alles gut geht, schaffen sie es nach Beira, der nächsten Großstadt in der zentralmosambikanischen Provinz Sofala und verkaufen dort ihre Fracht. Dann können sie ihre Einkäufe machen und sich auf den Heimweg machen.

Sie sind die Carvoeiros, Rad fahrende Holzkohleversorger.

Fernando ist schon eine Stunde unterwegs, als endlich langsam die Sonne aufgeht. Er will noch am Vormittag in Beira ankommen. 30 Kilometer hat er dann zurückgelegt, mehr als die Hälfte davon auf einem schmalem Pfad durch die Savanne. Gestern Abend hat Fernando im Dorf zwei Säcke Holzkohle erstanden, die er heute in der Stadt verkaufen will. Zwei Säcke, das sind 100 Kilogramm. Eigentlich nicht viel für einen Carvoeiro, doch das Hinterrad  von Fernandos Rad macht Probleme: Seither kann Fernando sein Fahrrad nur mehr schieben. Dass er trotzdem noch immerhin zwei Säcke transportieren kann, verdankt Fernando einem Trick: Mit zwei an der Lenkstange verknoteten Schnüren balanciert er das Rad mit der schweren Fracht geschickt über die bucklige Sandpiste. Hin und wieder schubst er das Rad an, damit es nicht an Fahrt verliert. Federleicht sieht das aus, obwohl Fernando wohl schon um die 60 ist. Sein genaues Alter kennt er, wie die meisten hier, nicht.

Die Steppe ist angenehm kühl so früh am Morgen. Frauen aus den umliegenden Dörfern kommen uns entgegen, sie haben am Strand Fisch gekauft. Ein paar Kinder begleiten Fernando, sie sind am Weg in die Schule nach Nhangau, dem größten Dorf in der Nähe. Manche von ihnen fahren in den Ferien selbst mit Holzkohle-Säcken, um die Schulbildung zu bezahlen.

Nicht immer ist das Wetter so freundlich. In der Regenzeit, von Dezember bis April, stehen Überflutungen an der Tagesordnung. Fernando zeigt mit seiner Hand auf seinen Hals. “Wo wir gerade laufen, steht dann das Wasser bis hierher!” Weil das Wasser hier nicht abfließen kann, bildet sich Jahr für Jahr ein See, der nur langsam verdunstet. Das kann bis Juni dauern. Die Folgen für die Region sind dramatisch, die Dörfer hinter dem See sind praktisch abgeschnitten. Der Holzkohletransport kommt fast zum erliegen, weil jeder Sack Kohle und das Fahrrad auf dem Kopf durch das Wasser getragen werden müssen – über zwei Kilometer weit. Kinder können nicht zur Schule gehen. Kranke werden durch das Wasser getragen. Das alles bei Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius. Trotzdem müssen die Carvoeiros fahren. Ihre Familien brauchen das Geld. Als Fernando 1972 nach Beira kam, war Mosambik noch portugiesische Provinz. Sein Bruder, der als Koch für ein portugiesisches Restaurant arbeitete, rief ihn. Mit der Unabhängigkeit Mosambiks 1975 verließen viele

Portugiesen das Land. Fernandos Arbeitgeber ging ebenfalls, und Fernando verlor seine Arbeit. Zu dieser Zeit begann er mit der Produktion von Holzkohle in Beira. Später entschloss er sich, aufs Land zu ziehen. “In Beira ist es schwierig zu überleben. Hier am Land ist das leichter. Da kannst du was anbauen und Kohle produzieren. Davon kann man leben.” sagt er und weicht geschickt einem Schlagloch aus. Zuhause pflanzt er Reis und Mandioka an, hin und wieder produziert er auch heute noch selbst Holzkohle. Er lebt mit seiner Frau alleine im Dorf.  Seine vier Kinder sind schon nach Beira gezogen. Ihm ist es wichtig, dass alle die Schule abschließen. Damit ist er eine Ausnahmeerscheinung. Nur knapp die Hälfte aller Kinder schließt in Mosambik die Primärschule ab, eine weiterführende Schule besuchen dann gar nur 6 % der Kinder.

In Nhangau macht Fernando eine kleine Pause, um mit Freunden zu plaudern. Trinken will er nichts, sein Körper hat sich an permanenten Wassermangel gewöhnt. Unzureichende Wasserversorgung ist ein großes Problem in Mosambik, nur rund ein Drittel der Landbevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Gibt es im Umfeld keinen funktionierenden Brunnen, bleibt nur, das Wasser aus oft verschmutzten und verseuchten Wasserlöchern zu schöpfen. Krankheiten sind die Folge.

Nando ist ein Carvoeiro, der die Kohle auch selbst produziert. Er geht zu seinem “Forno”, so nennt man die Holzkohlemeiler. Vorsichtig, ja beinahe ehrfürchtig steigt Nando durch den Wald. Er respektiert den Busch. Mit zwölf Jahren wurde er direkt von der Schule in die Armee eingezogen. Er sollte im Bürgerkrieg, der nie als solches bezeichnet wurde, kämpfen. Die Regierung

bezeichnete deren Gegner RENAMO immer nur als “Bandidos armados”, bewaffnete Banditen, die den Staat destabilisierten. Von seiner Heimatstadt Quelimane wurde Nando hierher, nach Sofala, versetzt. Hier wütete der Bürgerkrieg am schlimmsten, und der Busch war unberechenbar. Tretminen und Hinterhalte gehörten zum Kriegsalltag.

 

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