Schön sein ist nicht genug

von Jens Lindworsky

Erschienen im Jugendmagazin TOPIC

Sind sie Stars, oder nur lebende Kleidbügel? Ist es ein Traumberuf, oder ein ganz normaler Job? Über Aufstiegschancen, Absturzgefahr und Alltagssorgen von Models.

 

Perfekt geschminkt und frisiert sitzt Verena zwischen Kisten und Kleiderständern auf einem grauen Plastiksessel. Mit ihrem schicken Blackberry erledigt die 23-Jährige einige Banküberweisungen, dann schreibt sie ein paar geschäftliche E-Mails. Auch andere Models erledigen zwischen Styling und Show Büroarbeiten. Eine telefoniert wegen einer neuen Wohnung herum, eine andere liest seelenruhig ein Buch.

In drei Stunden werden sie im Scheinwerferlicht über den Laufsteg stolzieren, bewundert von hunderten Augenpaaren. Dann darf nichts schief gehen, auch nicht beim blitzschnellen umziehen hinter der Bühne. Die Kunden erwarten Perfektion, eine Show ist teuer. Solche Gedanken können aber nur Anfängerinnen nervös machen. Für alle anderen ist eine Laufstegpräsentation reine Routine, ein normaler Arbeitstag. Wer keine sinnvolle Beschäftigung mitgenommen hat, verschenkt einfach nur Zeit. Denn zwischen Hairstyling und Show gibt es nichts zu tun, außer aufpassen, dass das Makeup nicht verschmiert.

Durststrecken und Durchbrüche

Verena hatte eigentlich nie vor, Model zu werden. Vor vier Jahren hat ihre Schwester heimlich eine Bewerbung für sie abgeschickt, als Mädchen für eine Modenschau gesucht wurden. Verena wurde ausgewählt und nahm daran Teil, zum Spaß, ohne jede Ambition. Damals hatte sie bereits ein Kind, und völlig andere Pläne. Ein Fotograf war es dann, der sie mit viel Mühe zum weitermachen überredet hat.

So oder ähnlich fangen viele Karrieren an.

Fast nie wird aus dem "schönsten Mädchen der Klasse" ein Model, erklärt Roberta, die Chefin von Stella Models. Die sehen meist schon zu reif und weiblich aus. Interessanter sind die Mauerblümchen - die alle zu groß finden, zu dünn und zu mädchenhaft. Die vielleicht noch nie einen Freund hatten. Die ihre Haut nicht mit Creme und Schminke belasten, seit sie 14 sind. Gerade billiges Makeup "ruiniert die Haut komplett," ist Roberta sicher, sie sieht sie nicht mehr frisch aus.

Doch wie kann man wissen, ob man sich eignet?

"Ganz einfach, zuerst muss man eine Modelagentur haben, die sagt: es hat einen Sinn," erklärt Andrea von der Agentur Wiener Models, "Die kümmert sich dann um die Ausbildung und bezahlt die ersten Fotos und eine Website." Nur wer dann auch Erfolg hat, braucht diese Starthilfe zurückzahlen - das sind aber höchstens 500 Euro. Bekommt man keine Jobs, zahlt man auch nichts.

"Hände weg, wenn etwas vorher Geld kostet", warnt Andrea nachdrücklich, "diese gewissen `Modelschulen´ - das ist die Abzocke schlechthin!" Die nehmen auch Leute, die gar keine Chance haben. Genauer gesagt nehmen sie nur deren Geld.

Doch es geht auch anders: "Bei Bikini-Show in Madrid durften wir mal den ganzen nichts essen und nichts trinken. Könnte ja sein, dass man von einem Glas Wasser einen Bauch bekommt", ärgert sich Verena. "Im Ausland halten manche Models für das Unterste – ein Kleiderständer, der nichts zu sagen hat.“

Kaum ein Job wird so ambivalent wahrgenommen wie der des Models. Mal wird man begehrt, begafft, eingeladen, interviewt und alle reißen sich um die Bekanntschaft. Dann wieder spürt man Verachtung, weil man ja „nur des Aussehens wegen“ viel verdient; fast so, als wären schöne Menschen automatisch dumm.

Es ist auch nicht lange her, da musste sie in Istanbul mit neun anderen Models in einem Zimmer wohnen und hatte nicht einmal einen Kasten für ihr Gepäck. Einen Monat lang ging sie in der Türkischen Riesenstadt zu Magazinen, Fotografen und Modefirmen, um sich vorzustellen. Verdient hat sie in der Zeit praktisch nichts.

Doch wer als Model etwas erreichen will, muss am Anfang solche Reisen machen - etwa in Modestädte wie Mailand, Paris oder New York - und meist auf eigene Kosten. „Wenn du dich dann in super Zeitungen und auf Plakaten siehst, denkst du: das war es Wert", grinst Verena.
Nur zwei Wochen nach jener Reise flog Verena schon wieder nach Istambul. Diesmal hatte sie  aber einen Werbevertrag für eine Jeansmarke in der Tasche. Also flog sie in der ersten Klasse, hatte einen eigenen Fahrer und ein "Zimmer wie ein Gott in Frankreich".

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