Der Sommer der Hochzeiten

von Jens Lindworsky

In vielen Dörfern im Kosovo vergeht im Sommer kein Tag, ohne dass gleich in mehreren Häusern Hochzeiten gefeiert werden. Nicht etwa aus Tradition – sämtliche Familienfeste des Jahres müssen heute in den Ferien untergebracht werden, weil nur dann die großen Familien vereint sind. Das restliche Jahr ist die Gesellschaft nicht nur räumlich gespalten – zwischen den Gastarbeitern in Ländern der EU und den daheim Gebliebenen, die wie in einem Entwicklungsland leben. Die Kinder der Gastarbeiter sprechen oft nur gebrochen Albanisch. So kann die Ausgelassenheit der Feste nicht darüber hinweg täuschen, wie absurd die Lage in Europas jüngstem Land ist.

Zum Auftakt der Feier klettern einige Frauen und Kinder der Familie auf die offene Ladefläche eines Kleinlasters, drei Männer zwängen sich in die Fahrerkabine. Der Wagen setzt sich in Bewegung, die Frauen und Mädchen fangen an zu singen und Tamburine zu schlagen – fröhliche Lieder, mit denen seit je her Hochzeiten angekündigt werden.

Die Fahrt geht kreuz und quer durch Hoqae Qytetit – ein Bauerndorf bei Prizren das aussieht, als würde es gerade zu neuem Leben erwachen. Überall hängen die Fahnen, mit denen Europas jüngster Staat seine Unabhängigkeit feiert: den Albanischen Doppeladler auf rotem Grund, und die blaue Kosovarische Fahne mit den sechs Sternen und den Umrissen des Landes. Und überall sieht man Baustellen – stattliche, neue Häuser entstehen, an vielen fehlen gerade noch der Putz und der Anstrich.

Einem zweiten Blick halten die Zeichen des Aufbruchs kaum stand. Vor auffallend vielen Häusern liegen große Gemüsegärten – eine Notwendigkeit zur Selbstversorgung, denn kaum ein Bauernhof in dieser Gegend erwirtschaftet mehr als 200 Euro im Monat. Das Café, das vor kurzem an der Hauptsraße eröffnet hat, macht einen allzu schlichten Eindruck: weiße Wände, nackte Neonröhren, ein großer Kühlschrank und ein Tischtennis-Tisch, an dem ein paar Jugendliche spielen. Es sieht nicht so aus, als könne man hier mit einem Café viel verdienen.

Der Wagen mit der Hochzeitsgesellschaft rumpelt über holprige Straßen, von denen viele noch nicht asphaltiert sind. Auf der Ladefläche klammert man sich aneinander, um nicht zu fallen. Es geht vorbei an neuen Friedhöfen mit den Opfern des Krieges, dann verstummt der Gesang aus Respekt vor den Toten. Von einer Brücke sieht man einen schmutzig-braunen Bach. Im Gestrüpp an der Böschung hängt Müll, den das letzte Hochwasser angeschwemmt hat.

Auch der Eindruck eines Bau-Booms ist trügerisch: es kann hier eine kleine Ewigkeit dauern, bis ein Haus fertig ist. Auf manchen der Baustellen geht schon seit Jahren nichts voran. Entweder fehlt es an Geld für die Baustoffe, oder es fehlt die Zeit zum arbeiten weil der Bauherr seit Jahren im Ausland lebt.

Die Rohbauten sind kein Zeichen für Aufschwung, sie demonstrieren den Stillstand.

Die Arbeitslosigkeit liegt im Kosovo etwa bei 40%, in ländlichen Regionen ist sie oft doppelt so hoch. Die Wirtschaft des Zwergstaates schneidet sogar im Vergleich mit vielen Entwicklungsländern schlecht ab – das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Angola doppelt so hoch wie im Kosovo. Das bedeutendste Exportgut des Landes ist der Schrott stillgelegter Industrieanlagen. Sucht man nach den Disziplinen, in denen der Kosovo zur Weltspitze gehört, findet man etwa das Außenhandelsdefizit, den Drogenhandel, die Korruption und die Geburtenrate. Die Nato hat den Kosovo in die umstrittene Unabhängigkeit gebombt, weit über zwei Milliarden Euro hat der Westen investiert, um den rund 2 Millionen Einwohnern eine moderne Staatsstruktur zu installieren. Doch nach dem Jubel über den Neuanfang kam die Ernüchterung über die Stagnation – man fühlt sich befreit, aber allein gelassen.

Wie groß der Unterschied zwischen dem Kosovo und der EU ist, erleben viele schon in der eigenen Familie. Etwa eine halbe Millionen Kosovo-Albaner leben im Ausland, und damit im Wohlstand. Die meisten in Deutschland und der Schweiz. Die aussichtsreichste und vielleicht einzige Hoffnung auf ein besseres Leben scheint für viele Kosovaren, ebenfalls einen Job im Ausland zu bekommen. Doch seit Ende des Krieges ist diese Türe geschlossen.

Unabhängigkeit: ja, Arbeitserlaubnis: nein. Die Enttäuschung darüber ist deutlich zu spüren.

Wer bereits im Ausland lebt und arbeitet, findet kaum Anreiz für eine Rückkehr. Der höheren Löhne wegen, aber mehr noch weil ihre Kinder dort eine bessere Ausbildung und bessere Chancen bekommen. Und was vielleicht noch bedeutender ist: Das Geld, dass die Diaspora ihren Familien in die Heimat schickt, braucht man dort dringend zum überleben. Es das Sozialsystem und die Entwicklungshilfe des Kosovo. Die Summe dieser privaten Transferzahlungen ist höher als die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes.

Dieser Riss könnte sogar bald noch größer werden ...

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