Schule ohne Vorurteile

Von Susanne Wolf

„Wenn jemand aus meiner Klasse einen Artikel falsch sagt, dann helfe ich ihm, es richtig zu lernen“.  Amelie unterstreicht ihre Feststellung mit einem breiten Grinsen, das eine reizende Zahnlücke vorweist. Und ihr Sitznachbar Florian fügt hinzu: „Ich finde es cool, dass so viele Kinder aus anderen Ländern in meiner Klasse sind!“

Wir befinden uns in der 2D der Volksschule am Campus Gertrude Fröhlich-Sandner im 2. Wiener Gemeindebezirk. Die Kinder arbeiten an ihrem Wochenplan, Aufgaben aus Mathematik und Deutsch müssen innerhalb einer Schulwoche erledigt werden. Die Atmosphäre ist entspannt, ein paar Kinder kauern in der Sitzecke am Boden, andere wechseln die Plätze, um mit Freunden gemeinsam zu arbeiten. Birgit Garstenauer, die Klassenlehrerin, steht bereit, um die Aufgaben zu kontrollieren und bei Bedarf zu helfen.

Die Klasse ist ein bunte Mischung: Acht Nationalitäten sind hier vertreten, die Eltern der Kinder stammen aus Rumänien, der Türkei oder den Philippinen. Und Österreich. „Ich bin hier in Wien geboren!“ erzählt Isabella, ein zierliches Mädchen mit großen Augen und wunderschönem pechschwarzem Haar, stolz. „Meine Großeltern stammen aus Serbien, aber meine Mutter wurde schon hier geboren.“ „Mein Vater kann sogar Wienerisch!“, fällt Sara ihr ins Wort. Saras Familie stammt aus Bosnien, sie selbst ist geborene Wienerin.

Unbegründete Ängste

Die Ganztags-Volksschule am Wiener Nordbahnhofgelände ist ein Vorzeigeprojekt in Sachen Integration: auf zwei Klassen kommt eine Begleitlehrerin, die Sprachförderunterricht in Deutsch anbietet. „Ich weiß von meinen Kolleginnen, dass es in anderen Schulen nur ein oder zwei Begleitlehrer für die gesamte Schule gibt“, erzählt Garstenauer. Und berichtet von oberösterreichischen Schulen, in denen österreichische Kinder und solche mit Migratioshintergrund getrennt unterrichtet würden. „Viele Eltern haben Sorge, dass ihre Kinder nicht gut genug deutsch lernen, wenn zu viele Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in ihrer Klasse sind“, erklärt Dipl. Päd. Ingrid Fischer, Direktorin des Campus Gertrude Fröhlich-Sandner. Diese Angst sei jedoch unbegründet:

„Wir haben einen Lehrplan, der eingehalten werden muss.“ Auffällig sei, dass viele Eltern mit Migrationshintergrund sich Sorgen machten: „Das sind oft Leute, die ihre eigene Muttersprache den Kindern nicht korrekt vermitteln. Diese Kinder haben dann auch Probleme damit, deutsch zu lernen.“ Am Campus wird dieses Thema ernst genommen: „Wir bieten muttersprachlichen Unterricht in Türkisch sowie Serbisch/Bosnisch/Kroatisch an – das kann man sich so vorstellen wie Deutsch-Unterricht für Kinder mit deutscher Muttersprache.“ Es sei erwiesen, dass Kinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, auch andere Sprachen leichter lernten, ergänzt die Direktorin. Und: „Bei Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache hat das verpflichtende letzte Kindergartenjahr bereits sehr geholfen, die Deutschkenntnisse zu verbessern.“

Kinder lernen von Kindern

Dass Kinder am besten von anderen Kindern lernen, bestätigt Claudia Tiefenbach, Begleitlehrerin der Klasse. „Daher kann es bei einem Unterricht in Klassen, wo ausschließlich Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen sitzen, kaum Fortschritte geben.“ Tiefenbach ist für den Sprachförderkurs zuständig, der parallel zum Englisch-Unterricht stattfindet. „Natürlich ist Englisch auch wichtig, aber zuerst müssen die Kinder die deutsche Sprache beherrschen“, erklärt Tiefenbach. Auch hier wird Wert auf eine entspannte Atmosphäre gelegt: zwei Kinder sitzen auf einer Matte am Boden und üben deutsche Artikel, Razul holt sich aus einer Box Karteikarten mit deutschen Wörtern, Isabella und Marija zeichnen eifrig. Tiefenbach beantwortet geduldig jede Frage der Kinder.

Schulen als Spiegel der Gesellschaft

Klassenlehrerin Garstenauer ist stolz auf ihre Klasse: „Wir sind in diesem Jahr sogar über unser Lernziel hinaus gekommen.“ Nur sechs von 18 Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache benötigen den Sprachförderunterricht bei der Begleitlehrerin. „Die anderen machen zwar hin und wieder Fehler, werden aber von denjenigen, die gut Deutsch sprechen, verbessert“, so Garstenauer. 

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