Caleta Portales

von Fabian Weiß

„Hay pescada, pescadita!“ - „Es gibt Fisch!“, tönt es immer wieder über die noch verschlafenen Boote des 'Caleta Portales'. Am Fischerhafen von Valparaíso kehrt langsam Leben ein. Juan Gomez sieht den dick eingepackten Fischern mit den Wathosen zu, wie sie ihre Boote unter großer Anstrengung zurück auf die Stellplätze des großen Betonvorplatzes ziehen. Sein Boot steht dort noch immer sauber und aufgeräumt. Der alte Fischer mit dem von Wind und Alkohol gegerbten Gesicht besitzt kein eigenes Netz. Für seine veraltete Methode mit einem 'espinel' reicht der aktuelle Fischbestand nicht mehr aus. Die lange Schnur mit in einigem Abstand befestigten Haken samt Köderfischen ist damals auf den Grund des Meeres herabgelassen worden. „Schon nach ein paar Stunden Wartezeit konnte ein Fischer manchmal gar nicht den ganzen Fang an Land bringen, sondern musste einen Teil einige Seemeilen vor der Küste zurücklassen. Außerdem gab es allerlei Arten von Fisch. Jetzt gibt es hier hauptsächlich noch den Seehecht und auch davon nur noch wenig. 'Reineta', eine Art Flunder, fängt man heutzutage nur noch weiter im Süden in Patagonien.“

Ungefähr 200 Fischer gibt es, aber an Montagen wie heute sind es immer weniger. Viele schlafen ihren Rausch aus oder haben am Wochenende genug gefangen, um sich diesen Tag frei zu nehmen. Da Juan für das Verdienen seines Lebensunterhalts auf die Mithilfe bei anderen Booten angewiesen ist, hat es auch heute wieder keine Arbeit für ihn gegeben – Arbeit, nach der sich der Fischer so sehr sehnt. „Meist geht es um drei Uhr früh hinaus, abhängig von der Sicht im Wasser. Je klarer, desto früher. Egal bei welchem Wetter. Nur bei Sturmwarnung bleiben die meisten zu Hause.“ Wehmütig blickt er bei seinen Erzählungen immer wieder in die Ferne auf das weite Meer.

Es ist ungefähr neun Uhr. Nach und nach treffen auch die letzten Fischerboote ein. Per Kran werden sie auf die Wagen gehoben, dann zu den Stellplätzen geschoben. Dort angekommen, macht sich die kleine Besatzung aus drei bis vier Fischern daran, die Fische aus den Netzen herauszulösen. Witze bringen den sonst unbelebten Platz in regelmäßigen Abständen zum Grölen. Man kennt sich. Meist sind die Fischer Freunde und kommen aus der Nachbarschaft des selben 'cerros' – eines kleinen Hügels, in welche die am Fuß der Anden gebaute Hafenstadt unterteilt wird. Die meisten bekommen beim Anlanden in der Regel Hilfe von ihren Müttern, Frauen oder Töchtern, die den restlichen Tag über nicht selten noch anderen Arbeiten nachgehen, um die großen Familien ernähren zu können. "Es ist eben eine Familientradition!", lacht eine Frau, während sie den nächsten Fisch fast blind aus dem Netz herauswindet und in eine der Plastikkisten am Boden wirft. Mehrere Hunde beobachten das Spektakel gelangweilt und halb schlafend, während die Verkaufsparolen der Fischer immer lauter über den Platz rollen.

„Diez por cinco!“ - „Zehn für fünf!“, ruft jemand über den Markt. Zehn Fische für 5.000 chilenische Pesos, das sind umgerechnet zirka sechs Euro. Es wird nicht nach Kilo verrechnet, sondern pro Fisch – die kleinen sind natürlich billiger als die großen. „Von denen gibt es aber nicht mehr so viele. Die Industrie hat das Meer verschmutzt und die Schwärme werden immer kleiner“, erklärt Juan mit seinen müden Augen, die unter den runzligen Augenbrauen in die Ferne zu blicken scheinen. Wenn der Fang den Fischern abgekauft worden ist, wird er auf den Märkten und in den kleinen Fischgeschäften in der ganzen Stadt feil geboten.

Nachdem auch die letzte Plastikkiste verladen oder weggetragen worden ist, kehrt langsam wieder Ruhe auf dem Bootsplatz ein. Die Fischer gehen ihrer Wege. Wie Juan helfen viele tagsüber in einem Restaurant, das meist von der ganzen Familie betrieben wird. Spätestens um drei Uhr in der Früh geht es dann für die meisten wieder auf See.

„Morgen ist Sturm angesagt“, beendet der Fischer seine Geschichte und setzt schweren Schrittes zum Gehen an, „da bleiben vielleicht einige daheim!“ (...)

 

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