Ein Leben für René

von Dagmar Weidinger

Erschienen in: Welt der Frau 5/2009

Anton Diestelberger und René haben eine ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung. René ist seit seiner Geburt Autist. Heute lebt und arbeitet er im Verein Rainman’s Home, einer von seinem Vater mitbegründeten Betreuungseinrichtung für autistisch und andere behinderte Menschen in Wien.


Wiens Semperstraße im 18. Bezirk ist kein Ort für schaulustige Flaneuere, mit einer Ausnahme: Die Nummer 20 mit ihren beiden großen Glasfenstern lädt ein stehen zu bleiben und näher hinzusehen. Da fällt der Blick auf große bunte Leinwandbilder und eine Vielzahl an Texten und Fotos. Wer genauer hinsieht, merkt schnell, dass er hier nicht etwa vor einer Galerie steht. Immer wieder lugen neugierige Köpfe zwischen den Bildern hervor, nur um gleich wieder zu verschwinden. Es sind die autistischen Klienten des Vereins Rainman’s Home, die hier des öfteren schüchterne Blicke auf die Vorbeigehenden werfen. Ein junger Mann sieht besonders gerne nach draußen, es ist René, der 31-jährige autistische Sohn des Geschäftsführers Anton Diestelberger. Die zuerst kaum wahrgenommene Behinderung des eigenen Sohnes prägte den Lebensweg des heute 56-jährigen Lehrers.

Die ersten Jahre.

Als René 1977 in Amstetten das Licht der Welt erblickte, waren die Eltern überglücklich, ein scheinbar gesundes Kind zu haben. Die ersten drei Lebensjahre verliefen ruhig – René, ein ausgesprochen hübsches Kind, lernte laufen und sprechen wie jedes andere. Einzig längere Abwesenheiten seiner Eltern wie der einwöchige Skiurlaub schienen ihm Probleme zu machen, doch keine, die man nicht lösen hätte können. Erst im Kindergarten zeigten sich Abweichungen von Renés Verhalten im Vergleich zu dem seiner gleichaltrigen Spielkameraden: Er fand wenig Zugang zu anderen Kindern, suchte fast ausschließlich die Nähe der Pädagogin und fiel durch sein aggressives Verhalten auf. Bald riet man den Eltern, eine Testung im neurologischen Krankenhaus am Rosenhügel durchführen zu lassen. Dort wurde René das erste Mal „frühkindlicher Autismus“ diagnostiziert, ein Schock für die Familie.

Mit den Augen des Sohnes sehen

Wenn Anton Diestelberger heute über seine Annäherung an den Autismus spricht, wird das Ringen eines Vaters spürbar, der seinen Sohn sehr liebt und sich doch erst langsam mit ihm vertraut machen musste. Nicht nur fachliches Unwissen stand der großen Aufgabe zu Beginn im Wege. Jeder Elternteil, meint Diestelberger, möchte so lange wie möglich die Illusion aufrechterhalten, ein „ideales“ Kind zu haben (...)

Frühkindlicher Autismus

Die Diagnose ist nur ein erster, jedoch wesentlicher Schritt, der den weiteren Lebensweg eines Autisten und seiner Familie bestimmt. Während die ersten drei Lebensjahre bei vielen autistischen Kindern – wie bei René – unauffällig verlaufen, werden ab dann die Merkmale der „tiefgreifenden Entwicklungsstörung“ sichtbar. Für Autisten ist es schwer, Kontakt zu anderen aufzunehmen und ihre Bedürfnisse auszudrücken. Außerdem entwickeln viele von ihnen eigene für die Außenwelt zumeist unverständliche, sich wiederholende Verhaltensweisen – ein leichtes Schütteln der Hand, eine bestimmte Kopfbewegung oder einfach nur ein rastloses Auf- und Abgehen. Wer René heute begegnet, merkt schnell seine große Kontaktscheue. Der junge Mann sitzt gerne an seinem Stammplatz in Rainman’s Home und zeichnet oder bastelt für sich allein. Blickkontakt scheint ihn zu verunsichern. „Viele Eltern glauben, sie tun ihrem autistischen Kind etwas Gutes, wenn sie es in einer solchen Situation alleine lassen, da es sich scheinbar ohnehin wohl fühlt mit sich selbst“, meint die pädagogische Leiterin von Rainman’s Home, Therese Zöttl. Wird der Autist jedoch in der Isolation belassen, verstärkt sich seine Angst vor Kontakten und der Rückzug nimmt zu. „Förderung als Schutz und Chance“, lautet deshalb auch das Motto der von ihr und Diestelberger geführten Einrichtung. (...)

Die Geburtsstunde von Rainman’s Home

Auf der Suche nach einer Betreuungseinrichtung für seinen Sohn nach der Pflichtschulzeit gründete Diestelberger gemeinsam mit anderen Eltern 1991 den Verein Rainman’s Home. Der Name sollte an  jenen berühmten Hollywood-Film der 80er Jahre erinnern, in dem Dustin Hoffmann den hochbegabten Autisten Raymond spielt – ein Film, der zum Eisbrecher für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Autismus wurde. Der Verein betreut heute bereits zwei Tagesstätten in Wien, eine weitere ist in Planung. Die 40 autistisch und anders behinderten Menschen werden hier nach dem vom Diestelberger und Zöttl entwickelten mehrstufigen Modell der Beschäftigungstherapie speziell gefördert.

Den schmerzhaften inneren Prozess nach der Diagnosestellung umschreibt er gerne mit einer Metapher. Zuerst würde man als Vater oder Mutter gegen den Strom schwimmen, man wolle nicht wahrhaben, dass das eigene Kind spezielle Bedürfnisse hat. Wenn die Verzweiflung zu groß würde, fühle man sich wie von einem Strudel nach unten gezogen. Sei man schließlich ganz am Grund des Flusses angelangt, komme es darauf an, ob man es schafft, sich von dort abzustoßen. Wenn dies gelänge, so tauche man in ruhigerem Wasser wieder auf und könne ein Leben unter neuen Voraussetzungen beginnen. Diestelberger begann sich schon bald intensiv auch wissenschaftlich mit dem Phänomen des Autismus auseinander zu setzen und promovierte zum Doktor der Sonder- und Heilpädagogik. Er wollte Mittel und Wege finden, die Welt mit den Augen seines Sohnes René zu sehen.

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