Pauli, der einbeinige Lokführer

Von Anna Schmitzberger

Schon oft habe ich diesen Mann auf seiner Bank an der Staatsbrücke beobachtet. Er liegt auf dem Bauch und scheint zu schlafen. Ich möchte ihn fotografieren, aber als ich mich endlich überwunden habe, ihn zu fragen, ob ich ihn kurz stören dürfe, sagt er nein. Also setze ich mich auf die Bank nebenban und warte. Später erzählt er, er fände es wichtig, hin und wieder Nein sagen zu können, und dass er das selbst auch erst lernen musste. Fertig ausgeruht, wendet er sich freundlich mir zu, und sagt, dass ich ihn jetzt stören dürfe, und ist begeistert davon, von mir fotografiert zu werden. Daraufhin macht er spontan auf der Bank einen Handstand!

Pauli aus dem Pongau ist Lokfüher. Wenn er Nachtschichten hat und das Wetter schön ist, legt er sich gerne zum Sonnen auf genau diese Bank. Sie ist erneuert worden und deshalb nicht so rauh und verbogen wie die anderen Bänke. Seine Frage an mich: "Salzburg ist doch eine Kulturstadt. Findest du, dass es sich nicht gehört in einer Kulturstadt oben ohne zu sitzen?", da ihn eine Dame einmal brüskiert darauf angesprochen hatte.

Als wir uns das nächste mal treffen, hole ich ihn von seiner Arbeit ab. Pauli steht in neonpinken Shorts und neonorangener Warnweste auf seinem blauen Rollschuh, gestützt auf seine beiden blauen Krücken in der Mitte der Brücke, die über die Gleise führt, als er auf mich wartet. Da das Wirtshaus, in das wir eigentlich gehen wollten, geschlossen hat, schlägt er vor, zu McDonalds zu gehen, wo er seit zehn jahren nicht mehr gewesen war, und weil der in der Nähe ist. Er bemüht sich langsam zu fahren, auf seinem Inline-Skate-Rollschuh, trotzdem komme ich zu Fuß kaum mit. Zum Glück bin ich mit dem Fahrrad gekommen, und so steige ich auf und fahre neben ihm her.
Wir kaufen Kaffee, er zahlt, dafür trage ich ihm das Tablett hinaus.
Beim Erzählen fällt mir sein linkes Auge auf, die Iris ist zur Hälfte blau und zur anderen Hälfte braun. Wenn er lacht sieht man eine Zahnlücke zwischen den Backenzähnen. Er erzählt davon, dass er sich anfangs niemals getraut hätte sein verstümmeltes Bein in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dass er eine Prothese trug, welche für eine Strecke vom Fahrstuhl zum Auto gut wäre, er sei damit jedoch  zehn Kilometer gegangen, als er sie abnahm liefen Schweiß und Blut heraus. Erst nach und nach wurde er immer selbstbewusster und konnte sein verstümmeltes Bein zeigen. Er betont, wie glücklich er ist, die Erfahrung seines Unfalles gemacht zu haben, und dass er der glücklichste Mensch der Welt sei. Doch weiß ich das Glänzen in seinen Augen nicht recht zu deuten.

Er will mir etwas zeigen, wir spazieren in Richtung Schienen. Während er betont, wieviel Mehr er plötzlich sieht, da er nun langsam fährt und nicht so schnell wie sonst, muss ich fast schon rennen um mit ihm Schritt zu halten. Wir kommen an einem sehr schönen Schloss vorbei, und dann zu einer ganz aus Holz geschnitzten rumänisch-orthodoxen Kirche, umgeben von bunten Blumen und kleinen Obstbäumen. Daneben ist ein brachliegendes Grundstück, das voll ist von blühender Amerikanischer Goldrute. Pauli ist begeistert. Er schwärmt von der Goldrute, und vom Indischen Springkraut, welches am Rand wächst, als er plötzlich Blüten abzupft und sie verspeist. Jetzt bin ich begeistert und probiere auch ein paar Springkrautblüten, sie schmecken nach Salat und leicht nach Gurke. Ein Mitarbeiter der Kirche lässt sie uns von Innen besichtigen, sowie das Pfarrhaus, das auch komplett aus Holz gebaut ist. Pauli riecht genüsslich an den duftenden Sonnenblumen und Rosen, bevor er zurück zur Arbeit muss. Ich mache mich auf den Weg zur Eisenbahnbrücke, von wo ich beobachten kann, dass er, bevor er in seine Lokomotive einsteigt, sich streckt und einen Handstand macht. Er winkt mir zu und fährt mit einem lauten Hupen los. 

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